Trau! schau! wem?

„Die Winde sprach zur Fliege:

 O komm zu mir ins Haus!

 Es ist bei mir gut wohnen,

 Komm, schlaf und ruh dich aus“

(August Heinrich Hoffmann von Fallersleben)

 

Die Überraschung war doch einigermaßen da, als vorgestern eine „Wichtige Bürgerinformation“ aus dem Bergsträßer Anzeiger herausfiel. Die „Neue Mitte Bickenbach“ mit „Wohnen und Leben für Alt und Jung“, klargestellt durch den Vorhabenträger. Ob diese Flyeraktion mit dem aktuell laufenden Bürgermeisterwahlkampf zu tun hat? Gar abgestimmt ist? Nun, spielt eigentlich keine Rolle…

Wir haben uns seitens der BI überlegt, ob wir das Thema überhaupt aufgreifen – immerhin haben wir den Flyer wirklich nur zufällig bemerkt. Da wir aber offensichtlich als BI mit dem Flyer auch angesprochen sind, wollen wir das tun. Eigentlich dreht sich die Debatte ja um den B-Plan der Gemeinde. Aber schauen wir uns den Flyer einmal an:

 

Titel

Den Titel „Wohnen und Leben für Alt und Jung“ haben wir schon länger nicht mehr gehört. So wurde das Projekt damals beworben und bei der Gemeinde vorgestellt. Momentan haben wir eher die Vermarktung von „Exklusiven Etagenwohnungen“ auf der Webseite des Maklers im Hinterkopf. Mit Verkaufspreisen ab 3.000 €/m² dürfte das für Alt und Jung zumindest nicht einfach werden, sowohl was Kauf und Miete angeht. Kommen ja immerhin auch noch TG-Stellplatz und Verwaltungskosten für Freiflächen, Fahrstühle usw. dazu.

Warum

Es ist ein leichtes zu behaupten, es gäbe Gerüchte, Fehlinformationen, Falschinterpretationen und keine neutrale Presse. Was genau ist damit gemeint? Gibt es Beispiele?

Es dürfte nachvollziehbar sein, dass interessierte Bürgerinnen und Bürger versuchen, das Projekt zu verstehen und zu hinterfragen. Viele der daraus entstandenen Fragen sind bis heute schlicht nicht beantwortet. Die BI hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf wichtige, bisher nicht betrachtete Fragestellungen oder Probleme aufmerksam zu machen.

Gemeinde und Investoren haben es selbst in der Hand, für Klarheit zu Sorgen. Das geschieht aber nicht. Stattdessen wird versucht, das Projekt auf Biegen und Brechen durchzusetzen, ungeachtet der vielen damit verbundenen Problemen.

 

Runde 1

Die Idee zu dem Projekt ist spätestens seit dem Sommer 2014 bekannt. Es ist anzunehmen, dass zu diesem Zeitpunkt diese Idee auch an einen Teil der Gemeinde herangetragen wurde. Die jetzige Art und Weise der Planung ist im Juli 2015 in einer Präsentation einem Teil der Gemeinde vorgestellt worden. Wem genau, wissen wir nicht. Im Januar 2016 wurde nach unserem Kenntnisstand die Gemeindevertretung informiert. Im September 2016 fand die erste Bürgerversammlung statt. Der Rest ist bekannt.

Erste Ideen und Entwürfe wurden den Bürgerinnen und Bürgern also erst zu einem Zeitpunkt präsentiert, als das Konzept schon mehr oder weniger fast 2 Jahre stand. Trotz sehr vieler Fragen, Sorgen und Anregungen steht das Konzept im Prinzip in der damaligen Form da – unverändert. Schon in den Bürgerversammlungen hieß es von Investorenseite, auf die Massivität und hohe Dichte angesprochen, „die Planung sei wasserdicht“. Eine Bürgerbeteiligung sieht anders aus.

 

Runde 2

Runde 2_1

Der aktuelle B-Plan wird aufgestellt, um dem Vorhabenträger dessen Projekt zu ermöglichen. Dafür wird der aktuell rechtskräftige B-Plan in seinen Grundzügen geändert und den Wünschen des Vorhabenträger angepasst. Sämtliche für die umliegenden Gebiete gültigen Vorgaben werden komplett über den Haufen geworfen.

Nahezu alle Einwände, Beschwerden und Fragen seitens der Bürgerinnen und Bürger wurden mit teils fragwürdigen Begründungen beiseitegeschoben. Es stimmt, eine Mehrheit der Gemeindevertretung hat dem zugestimmt.

Die angesprochenen Gutachten hat der Vorhabenträger nicht freiwillig erstellt. In der ersten Begründung zum B-Plan wurden genau diese Gutachten als nicht notwendig erachtet. Einwände der Bürgerinnen und Bürger und letztendlich Hinweise der Träger öffentlicher Belange haben zu der Erstellung eines artenschutzrechtlichen Gutachtens sowie Untersuchungen zur Versickerung geführt. Das ist momentan ein noch laufender Prozess.

Das Verkehrsgutachten wurde bereits seinerzeit durch Einwände kritisiert. Interessanterweise kommt der Landesentwicklungsplan Darmstadt-Dieburg zu dem Schluss, dass die Verkehrsbelastung der B3 in Bickenbach genau an dieser Stelle unerträglich sei und Handlungsbedarf bestehe. Überraschend ist, dass das Planungsbüro, welches damals zu diesem Schluss kam, im Gutachten für den Investor keinerlei Probleme sieht.

Bezüglich der 3D-Bilder usw. verweisen wir auf frühere Beiträge auf unserer Webseite. Auf die Farce der Verschattungsdarstellung möchten wir an dieser Stelle nicht weiter eingehen.

Runde 3

Wir gehen davon aus, dass ein Vorhabenträger in jedem Fall hauptsächlich an die Rendite denkt. Er wäre sonst ein schlechter Investor.

Dubios sind weder die Gesellschaftsform noch sind es die handelnden Personen. Die BI hatte am 7. Juni bereits den Vorhabenträger beleuchtet und festgestellt, dass eine solche Konstellation an sich nicht Verwerflich ist. Wer genau hinhört und hinschaut erkennt auch, dass sich die Kritik nicht gegen einen Investor bezieht sondern gegen die Massivität und Art der derzeit geplanten Bebauung.

Runde 4

Den zweiten Satz der Überschrift könnte man tatsächlich so als Aussage stehen lassen.

Die Aussage, dass das Regierungspräsidium diese innerörtliche, allen Regeln entsprechende Planung lobt, ist mehr als grenzwertig, zieht sich aber bereits durch das gesamte Verfahren und wird vielen kritischen Fragen vorangestellt.

Das Regierungspräsidium ist weder für die Prüfung der Planung noch für Lob zuständig – schon gar nicht für die Planung eines Vorhabenträgers. Das Regierungspräsidium begrüßt den Bebauungsplan der Gemeinde im Sinne der Raumordnung, da dieser den Vorgaben entspricht, Innenentwicklung vor Außenentwicklung zu stellen. Jedoch ist die Gemeinde allein und vollumfänglich für die korrekte Aufstellung des B-Plans verantwortlich!

Es wird interessant zu sehen, wie das Regierungspräsidium dessen eigene Stellungnahme im Kontext dieses Flyers sieht.

Die Höhen der Architektur… Was auch immer das bedeuten soll, vermutlich sind die Gebäudehöhen gemeint! Maßgeblich für das Erscheinungsbild in diesem Fall sind die Traufhöhen bzw. Attiken. Also das, was an vertikaler Wand im Straßenraum wirkt. Durch die Flachdachbebauung sind die neuen Gebäude in dieser Hinsicht höher als die gegenüberliegenden Gebäude, deren Traufhöhe eben niedriger ist und deren Firste im Straßenraum nicht sichtbar sind. Die Aussage, dass die Gebäude niedriger als in der Nachbarschaft seien, finden wir etwas dreist. Die Nachbarschaft besteht nicht nur aus Rathaus und dem gegenüberliegenden Geschäftshaus, liebe Investoren.

Auch wenn es Rücksprünge geben wird, im Gesamtbild werden die Rücksprünge nicht auffallen. Es wird subjektiv eine durchgehende und sehr lange Wand geben.

Die Art und Weise der Bebauung passt aus unserer Sicht nicht in den Ortskern von Bickenbach. Das ist in der Überschrift schon sehr richtig dargestellt. Eine Bebauung des Areals sowie auch eine Nachverdichtung im Innenbereich können aber sehr wohl zu Bickenbach passen.

Das Thema Verstädterung ist nicht weit hergeholt sondern von Anfang an mit dem Projekt verbunden und gar vom Investor selbst mit geprägt. Wir dürfen hier auf früher Diskussionen und Vorstellung von „urbanen“ Quartieren usw. verweisen. Dem Planer selbst schwebt für dieses Projekt eine Bebauungsdichte vor, die für verstädterte Siedlungstypen mit S- und U-Bahn Anschluss vorgesehen sind. Die Planung geht sogar weit darüber hinaus und sieht sage und schreibe eine Dichte von über 90 Wohneinheiten pro Hektar für das Neubauprojekt vor. Das sind Werte, welche für Großstadtbereiche vorgesehen sind.

Runde 5

Es wäre erschreckend, wenn die Baustelle auch die nachbarschaftlichen Grundstücke / Häuser zur Abwicklung benötigen würde. Ebenso erschreckend wäre es, wenn Vorschriften wie z.B. zum Lärm nicht eingehalten würden. Sollen die Bürgerinnen und Bürger Bickenbachs dankbar dafür sein?

Temporäre Fahrbahnverengungen werden gering gehalten – das klingt gut. Baut man aber nun mal hohe Häuser mit Arkaden und neuen Parkplätzen dicht an eine vielbefahrene Straße, wird es diese Verengungen vermutlich über einen längeren Zeitraum geben müssen.

Die BI hat Beispiele aus der Region gezeigt, inklusive Bilder. Diese Bilder zeigen von der Größe und Art ähnliche Baustellen. Diese sind sachlich und entsprechen der Baurealität. Sicherlich werden hunderte Kubikmeter Beton nicht mit Elektroautos angefahren. Betonpumpen, Verbau, Stahl, LKWs, Baustellendreck, Lärm, Kompressoren, Wasserpumpen entspringen nicht der Fantasie sondern sind Realität.

Wir denken, dass man mit Zeitangaben für Bauvorhaben sehr vorsichtig sein sollte. 18-20 Monate für die Realisierung eines solchen Großprojektes halten wir – gelinde gesagt – für sehr ambitioniert. Wenn es eine solche Aussage gibt, steht dahinter vermutlich ein bereits vorhandener Bauzeitenplan mit entsprechenden Berechnungen, welcher dem PLU-Ausschuss in der nächsten Sitzung vorgestellt werden kann?

Reale Zahlen

Die realen Zahlen! Gibt es Zahlen, die nicht real sind oder worauf bezieht sich diese Aussage? Wenn schon Zahlen präsentiert werden, warum nicht alle Kennzahlen?

Die beworbenen 7.000m² an entstehender Wohn- und Gewerbefläche geben nicht das Bauvolumen und somit den „Fußabdruck“ dieses Projektes inmitten unseres Ortskerns wieder.

 

Im Eingangssatz des Flyers steht, dass es ein Anliegen des Investors ist, Informationen zum Projekt aus erster Hand zu Verfügung zu stellen. Welche Informationen zum Projekt wurden jetzt genau zu Verfügung gestellt?

Alles in allem kommen wir zu dem Schluss: „Wie das Projekt, so auch der Flyer!“

3 Gedanken zu „Trau! schau! wem?

  1. Ich war angenehm überrascht als ich den Flyer gesehen habe. Sieht sehr edel aus. Das Projekt hat natürlich was städtiches; aber warum nicht mal weg von dem verfallenen Dorfcharakter.

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    • Bickenbach sollte seinen dörflichen Charakter nicht verlieren. Eine solche Bauweise wäre eine Verschandelung der Ortsmitte. Das passt nicht hier her. Wer Stadt sucht, kann es zur Genüge finden. Unglaublich, dass man sowas überhaupt ins Auge fasst. Jedes ältere Gebäude versprüht mehr Charme als dieser moderne, seelenlose Plattenbau.

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  2. Es mag Leute geben die kein räumliches Vorstellungsvermögen haben. Das ist nicht weiter schlimm wenn diese nicht gerade an exponierter Stelle sitzen. Was mich immer schon erschreckt hat sind fehlende Visionen (in gutem Sinne, man braucht auch nicht zum Arzt gehen wenn man sie
    hat!). Wir haben in unserem Land Architekturstudenten – sicherlich würden diese sich über einen Ideenwettbewerb freuen. Ich wäre auf das Ergebnis gespannt.

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