Ein persönlicher Kommentar…

Ein persönlicher Kommentar von Marc-Andre Lyachenko

Ich wohne jetzt seit etwas über 2 Jahren in Bickenbach. Meine Familie und ich sind damals nach vielen Jahren Auslandsaufenthalt zunächst nach Alsbach und dann bewusst nach Bickenbach gezogen. Wir hatten damals Glück, dass auf einem alten Grundstück in der Bachgasse zwei gut gelungene Doppelhäuser gebaut wurden. Dort wohnen jetzt 4 Familien mit insgesamt 8 Kindern. Ein kleines Bullerbü, gelungene Nachverdichtung, bezahlbar, tolle Nachbarschaft.

Fast genauso lange beschäftige ich mich mit der Neuen Mitte. Gegen Ende 2014 habe ich zum ersten Mal davon gehört. Der Bauträger unseres Doppelhauses und jetziger Mitgesellschafter der Schlossallee Bickenbach GmbH sprach davon, dass dort etwas entstehen soll, Wohnen für Jung und Alt, schön eingepasst. Man war bereits mit der Gemeinde im Gespräch. Cool dachten wir, da könnte man eventuell sogar eine Wohnung kaufen, altersgerecht für die Eltern oder Schwiegereltern…

Danach war erst einmal Ruhe, mehr oder weniger bis zur öffentlichen Vorstellung der fertigen Pläne irgendwann im September 2016. Mir fiel fast die Kinnlade runter. Das komplette Areal vollgestopft bis oben hin mit Wohnungen. Ein 10m hohes Haus direkt an meiner Grundstücksgrenze. Ja, mir passte das nicht, so gar nicht! Ich dachte zuerst an unsere schönen Gärten für die Kinder, an die Betonwand vor unserem Garten, den Schatten davon in unserem Garten und unserem Haus. Ich war persönlich betroffen!

Als Bauingenieur habe ich in den letzten Jahren viele große und bekannte Bauprojekte im Mittleren Osten betreut – und salopp gesagt viele Pferde kotzen sehen! Also fing ich an, mich mit dem Projekt in Gänze auseinanderzusetzen, von der eigentlichen Planung bis hin zur Entwässerung, vom Verkehr bis hin zu den möglichen Auswirkungen auf den Ort. Es kamen immer mehr Zweifel auf, dass das Projekt an sich richtig ist. Die persönliche Betroffenheit, die mir (und vielen anderen) gerne vorgeworfen wird, wich komplett der Skepsis gegenüber des Projektes als Ganzes.

Nach der ersten Bürgerversammlung saßen meine Nachbarn und ich mit der CDU an einem Tisch und diskutierten über das Projekt. Wir waren alle neu in Bickenbach und hatten keine Ahnung von der hiesigen Kommunalpolitik. Ich war tatsächlich der Meinung, man höre zu und sei interessiert, nehme sich der Sorgen und Hinweise an.

In der 2. Bürgerversammlung wurden die Pläne konkreter vorgestellt. Es hatte sich nichts geändert. Der Investor lamentierte von besonderen Freiflächenkonzepten. Der Architekt versuchte, die Planung schön zu reden. Das Freiflächenkonzept wurde aus dem B-Plan mittlerweile ersatzlos gestrichen. Der ursprüngliche Architekt ist seit langem vom Projekt „freigestellt“. Damals auf die Rechtmäßigkeit des Vorhabens angesprochen antwortete der Investor bereits, dass das Projekt wasserdicht wäre.

Es kam wie es kommen musste, der Aufstellungsbeschluss wurde gefasst und es ging über Weihnachten in die erste Offenlegung. Es musste jetzt schnell gehen, eine Stellungnahme musste geschrieben werden. Half nichts, keine der bürgerlichen Einwendungen wurde wirklich berücksichtigt. Weder unsere, noch die von den anderen Bürger*innen Bickenbachs. Stimmt nicht ganz! Wir hatten es in Summe geschafft, dass Artenschutz und Entwässerung näher untersucht werden mussten. Beides hat sich sehr lang hingezogen. Die Entwässerung ist aus meiner Sicht bis heute nicht geklärt. Sie ist lediglich „genehmigungsfähig“ wie es so schön in den Beschlussvorlagen heißt. Es wird ein bisschen da geplant und ein bisschen dort geplant. Es gibt jedoch keinen Planer und folglich keinen Plan, auf dem man alles sehen würde, aus welchem man die technische Machbarkeit und Stimmigkeit des Projektes erkennen könnte. Das fuchst mich als Ingenieur ungemein und ich frage mich, auf welcher Basis dann beschlossen werden kann? Formal kann man das sicherlich… sehenden Auges, dass Probleme auf uns alle zukommen.

In Konsequenz entstand Ende April 2017 die Bürgerinitiative, um sich gemeinsam gegen die Planung zu stemmen. Gut 20 Personen, die sich seitdem jeden Freitag für mehrere Stunden getroffen haben, fast jeden Abend einige Stunden mit dem Projekt verbracht haben. Dazu über 130 aktive Unterstützer. Heute, nach tausenden Stunden Arbeit, unzähligen Gesprächen mit den Fraktionen, Diskussionen, Veranstaltungen und Aktionen, liegt der Gemeindevertretung ein Plan zum Beschluss vor, der bis auf sehr wenige Details dem entspricht, was vom Planer bereits vor 2 Jahren vorgestellt wurde. Alle Diskussionen und Anregungen sind letztendlich wie an einer Teflonpfanne abgeperlt.

Der Gemeinde liegt nun aber auch ein alternatives Konzept vor. Vom Tisch gewischt, da wir bei dieser Idee im ersten Moment nicht gleich die Stellplätze nachweisen konnten…

Es ist ein Paradebeispiel, wie Bürgerbeteiligung nicht funktioniert. Es ist geradezu eine Blaupause dafür, wie man Politikverdrossenheit fördert. Gemeinsam anpacken? Die Gemeinde vergibt hier eine einmalige Chance, mit den Bürger*innen Bickenbachs etwas gemeinsam zu gestalten. Sie vergibt die Chance, das Engagement vieler, sehr vieler Bickenbacher zu nutzen. Es wird einfach in alter Manier weitermarschiert.

Heute wird die Gemeindevertretung eventuell eine Bebauungsplanänderung beschließen, die Bickenbach als Ort für immer verändern wird. Diese Bebauungsplanänderung wurde einzig und allein dafür gemacht, damit ein privates Projekt umgesetzt werden kann. Mich frustriert vor allem, dass es dahinter keine formulierten Ziele der Gemeinde gibt, keinen Plan, keine Strategie für Bickenbach. Die Argumente der Gemeinde werden aus meiner Sicht um das Projekt herum formuliert. Es sollte aber gerade andersherum laufen.

Es ist ein Formalismus eingezogen, der sich nicht mehr inhaltlich mit dem Projekt befasst. Man könnte meinen, die Gemeinde hat aufgegeben und will das nun endlich vom Tisch haben. Auch mir geht das Projekt auf die Nerven. Auch mir geht langsam die Lust aus, die Kinder beschweren sich, dass ich nie Zeit habe. Dennoch investiere ich jede freie Minute in das Projekt, da es wichtig ist. Wichtig für Bickenbach, wichtig für meine Familie, wichtig für mich. Es ist so wichtig, dass mich dies auch für die nächsten Schritte motiviert.

Wohnen für Alt und Jung. Das war einmal eine Idee, eine gute Idee. Davon ist nichts mehr übrig! Exklusive Etagen- und Penthouse-Wohnungen, das ist das neue Motto des Investors.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Neue Mitte weder von Alt noch Jung bewohnt sein wird – zu teuer für Alt und zu wenig familiengerecht (und zu teuer) für junge Familien mit Kindern. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieses Projekt negative Auswirkungen auf Bickenbach haben wird. Persönlich und beruflich würde ich niemals einen wichtigen, existentiellen Vertrag unterzeichnen, wenn auch nur der geringste Zweifel oder Risiken bestehen bzw. nicht alle Fragen abschließend geklärt sind. Der Beschluss heute Abend kommt dem gleich.

Liebe Gemeindevertreter*innen, denken Sie darüber nach. Sie haben noch wenige Stunden das Heft in der Hand. Danach hat die Gemeinde, haben Sie keinerlei Einflussmöglichkeiten mehr. Sehr viele Bickenbacher bitten Sie mit dem Appell darum. Viele Auswärtige, die regelmäßig nach Bickenbach kommen, bitten Sie darum. Selbst der erste Kreisbeigeordnete bittet sie als Person darum. Ich bitte Sie darum!

 

2 Gedanken zu „Ein persönlicher Kommentar…

  1. Hallo Herr Lyachenko,
    als geborener Bickenbacher der diesen innerörtlichen Schandfleck schon so viele Jahre mit ansehen muss,
    wundere ich mich schon über ihren Eifer als nur2 jähriger Mitbürger bzgl dieses Projektes.
    Könnte es sein, dass hier ganz überwiegend ihre persönlichen Interessen als Nachbar eine Rolle spielen ? Das wäre verständlich, aber im Gesamtbild völlig belanglos.
    Im Prinzip ist alles besser als der aktuelle Bebauungszustand !
    Mit Ihrem Anspruch gibt es sicherlich auch in Zukunft in Bickenbach dutzende von Betätigungsfeldern, ohne dass der Eindruck eines Eigeninteresses soo sehr im Vordergrund stehen muss.
    Ich freue mich auf Ihr Engagement in der übrigen Bickenbacher Kommunalpolitik !
    Viele Grüsse
    Marc Rieber

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  2. Lieber Herr Rieber,

    Die eigentliche Antwort steht in meinem persönlichen Kommentar, den Sie vermutlich gelesen haben.

    Ich engagiere mich, da ich das schon immer so getan habe (auch in vorherigen Wohnorten) und vermutlich als erst 2-jähriger Bickenbacher nicht von der jahrelangen Art und Weise des „Regierens“ des alten Bürgermeisters völlig eingelullt bin. Es tut hierbei übrigens nichts zur Sache, wie lange man schon Bürger in einem Ort ist, außer man möchte in Bürger erster und zweiter Klasse unterscheiden oder wie die CDU das so schön vorgemacht hat, die 750 bürgerlichen Appelle in der Wichtigkeit unter die, von Wählerstimmen zu stellen – so wortwörtlich in der GVG geschehen.

    Es ist fast alles besser, wie die aktuelle Brache. Ich persönlich kann dieses „Argument“ aber nicht mehr hören. Es ist eine Ausrede für die Ideenlosigkeit der Entscheidungsträger. Eine Entschuldigung…. ja, ist Mist, s jetzt gebaut wird, aber ist ja alles besser wie die Band… Was jetzt gebaut werden soll, ist schlicht gefährlich für Bickenbach und an keiner Stelle zu Ende gedacht, weder technisch noch planerisch.

    Es ist für mich völlig okay für mich, wenn Sie weiterhin der Meinung folgen, dass nur die Betroffenheit eine Rolle spielt. Geschenkt!

    Ob ich mich zukünftig in der Kommunalpolitik engagiere, wird sich zeigen.

    Viele Grüße
    Marc Lyachenko

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