Die Welt ist schlecht

  • Die Neujahrsansprache des Bürgermeisters.
  • Zur Gesellschaftsanalyse des Bürgermeisters.
  • Was der Bürgermeister unerwähnt lässt.
  • Wer schnarcht und was ist Zukunft?

 

Auch schon ohne Viruskrise war es um die Welt für den Bürgermeister Hennemann schlecht bestellt. Er beklagt in seiner Neujahrsansprache die „Amazonisierung der Gesellschaft“, die Ausrichtung der Leute nur auf die „eigenen Bedürfnisse“ und die Abnahme der „Frustrationsschwelle“, um nur 3 Punkte zu nennen. Man liest das, sieht es vielleicht sogar ähnlich und erwartet, daß ein Bürgermeister und Politiker eine Antwort gibt, was er dagegen zu unternehmen gedenkt. Es kam aber nichts. Natürlich wurde von ihm in seiner Ansprache nicht die Frage aufgeworfen, ob es da nicht etwa einen Zusammenhang zur Politik gibt und natürlich zu den Politikern.

Es ging dann weiter und die Verwunderung wurde größer, als der Bürgermeister über die Bewusstmachung für Handlungen und über Konsequenzen schwadronierte, die in den Hintergrund treten würden. Er wünschte sich schließlich eine Entschleunigung von Prozessen auf allen Ebenen, Zeit für gute Arbeit und weniger Konflikte, sowie Zeit für tragfähige Konzepte. Gute Gedanken und hehre Ziele. Doch glaubhaft war das alles nicht, was da von dem Bürgermeister kam. Schauen wir uns sein Gehabe und seine Vorgehensweise bei der Ortsmitte an, da hat er nichts von dem, was er vortrug, beherzigt. Und das als Bürgermeister, der gerade darauf bedacht sein müsste für alle da zu sein und für einen Ausgleich zu sorgen. Er lässt keinen Raum zu, um mit den Kritikern und der Bürgerschaft darüber zu diskutieren, was in der Ortsmitte passieren soll. Er unternimmt nichts, um den Konflikt zu entschärfen. Er sorgt nicht für die Zeit, um zu einem tragfähigen Konzept zu gelangen. Somit sind es leere schöne Worthülsen. Schönreden anlässlich des neuen Jahres helfen nicht und werden auch nicht gebraucht. Er macht weiter mit dem Investor. Die Bürgerschaft wird nicht einbezogen und wird einfach nicht gefragt, was sie von den Planungen hält. Es deutet durchaus einiges auf Kungelei hin. Gegen den Vorwurf verwahrte sich die SPD schon vehement. Wir sind sicher, dass die Befürworter hinreichend vom Bürgermeister einbezogen werden. Das führt zur Verärgerung, zur Emotionalisierung, zu einem Herabsetzen der Frustrationsschwelle. Er fragt sich aber nicht, ob er nicht vielleicht die Ursache ist, daß sich Emotionen etc. Bahn brechen. Wenn überhaupt jemand emotionalisiert sein darf, dann der einfache Bürger. Ein Politiker und erst recht ein Bürgermeister muss das aushalten, damit umgehen können und sollte dafür Sorge zu tragen, dass ein Gemeinwesen nicht aus dem Ruder läuft.

Bei dem, was wir zur Ortsmitte erleben, fühlt man sich unweigerlich an Stuttgart 21 erinnert. Dort traten Kritiker des Projektes auf den Plan, zunächst einzelne und wohlerzogene Bürger, dann ein wenig lauter, dann gut organisiert und lauter, irgendwann zornentbrannt. Warum? Weil die Kritiker des Bahnprojektes erfahren mussten, dass ihre Argumente sämtlich in den Wind geredet waren, dass sie verhallten, niemand auf der Gegenseite zuhörte, die Bahn ihr Ding machte und alles weggebügelt wurde, die Kritiker als Straßenpöbel verunglimpft wurden, der in der Wirklichkeit ein immer fachkundiger auftretendes Bürgertum repräsentierte. Heute ist bekannt, daß die Kosten davon laufen, alles nicht fristgerecht fertig wird und große Zweifel bestehen, ob das Werk und der Betrieb jemals das erfüllen wird, was versprochen wird. Eine zwischenzeitlich grün geführte Landesregierung muss zähneknirschend das Projekt zu Ende führen und wäre doch liebend gern ausgestiegen. Parallelen zur Ortsmitte, wenn auch vielfach kleiner, sind unverkennbar auszumachen.

Das war aber noch nicht alles. Dann verkündete der Bürgermeister in seiner Ansprache Maßnahmen zur Klimaneutralität der gemeindeeigenen Gebäude, einem Programm für die Zukunftsfähigkeit der Infrastruktur in der Gemeinde und, quasi als Sahnehäubchen die Schaffung von Wohnraum. Ganz groß stieg er ein und sprach von 200.000 fehlenden Wohnungen im Rhein-Main Gebiet. Da sträuben sich einem die Haare. Er hat für nichts ein Konzept. Wohnraumbeschaffung ist ohne Frage eine zentrale Zukunftsaufgaben. Was will er aber dazu beitragen, fragt man sich. Wie viele Wohnungen will er denn zur Behebung des Mangels schaffen und wie und wo? Da kam nichts. Er kann auch keine Aussage machen, da er weder eine Bestandsaufnahme hat, wo Wohnungen gebaut werden könnten, noch ein städtebauliches Entwicklungskonzept für Bickenbach.  Der Bürgermeister ist auch nicht gerade als Klima- und Naturschützer aufgefallen, auch nicht in seiner Zeit als SPD-Politiker. Der Gemeindewald ist in einem erbärmlichen Zustand und wurde über Jahre nicht gepflegt. Er wird nur überleben mit seinen wunderschönen charakteristischen hohen Kiefern, wenn er dafür sorgt, daß das Grundwasser wieder steigt. Zum Erhalt des Klimas und der Biodiversität gehört auch, daß planungsrechtlich festgeschriebene Obstwiesen nicht zu privaten Gärten umgenutzt werden. Den Aussagen des Bürgermeisters sind deshalb wenig Glauben zu schenken. Worthülsen. Durch nichts ist erkennbar, dass fachlich fundiert Grundzüge einer zukünftigen Entwicklung für Klima, Naturschutz, Infrastruktur und Ortsentwicklung begonnen werden. In dem Bebauungsplanverfahren zur Ortsmitte war der Klima- und Naturschutz ein absolutes Fremdwort. Was das geplante Bauvorhaben des Investors störte, wurde rücksichtslos geopfert. Der einzige große Grünzug in der Ortsmitte soll vernichtet werden. Sämtliche große Bäume wurden bereits abgeholzt, obwohl der Ort kaum noch über viele große Bäume verfügt. Das wird sich bei dem zunehmend trockenen und heißen Klima noch rächen. Selbstverständlich ist eine Innenentwicklung einer Neuausweisung von Baugebieten vorzuziehen. Aber nicht planlos. Sind die Baugebiete „Im Pflanzgewann“ oder die Seniorenheime an der Bahn nicht eher Außenentwicklungen?

Der Hinweis auf den benötigten Wohnraum war eine Vorbereitung darauf, die geplante Bebauung in der Ortsmitte rechtfertigen zu können. Konkrete Auskünfte zur Planung der Ortsmitte unterblieben aber, ganz in der bereits bekannten Linie des Bürgermeisters die Öffentlichkeit zum Fortgang der Planung nicht zu informieren, obwohl es vielleicht das wichtigste Thema zur Zukunftsfähigkeit und der Entwicklung unserer Gemeinde ist. Wir sind gespannt, welche Kleinstwohnungen vorgesehen werden und welche Monostruktur entsteht, die nichts, aber auch gar nichts ist, was wir in einer gut funktionierenden Ortsmitte brauchen. Mikrowohnen bei gleichzeitig hoher Dichte ist tödlich, schafft nur Probleme, hohe Fluktuation und führt mittelfristig zu Zuständen, wie wir das aus Vor- und Schlafstädten kennen.

Und was war das für ein besonderer Scherz des Bürgermeisters, jeder habe doch selbst einmal gebaut. Als ob es bei der Ortsmitte nur um ein Dulden einer Baustelle gehen würde. Er hat die Kritik an den Planungen scheinbar nicht verstanden, versucht sie kleinzureden oder macht sich selbst was vor. Die Bebauung in der Ortsmitte stärkt Bickenbach oder wird sich sehr negativ auswirken.

Auch die Ausführungen zum Verkehr als wahre Bürgerbeteiligung zu bezeichnen, ist stark übertrieben. Es gab in den Foren nämlich weder Grundlagen noch eine Haltung dazu, in welche Richtung es sich entwickeln könne. Also wurde zumeist über Schilder, Engpässe an Straßen, das Parken diskutiert, nicht aber über das grundsätzliche Problem Auto und wie der starke Verkehr bewältigt werden kann, ob es richtig ist weiter auf das Auto zu setzen, es bessere Alternativen gibt, die helfen können den Verkehr zu reduzieren. Ja, es gab die Foren, diese hatten aber, absichtlich oder nicht, nicht die Funktion herauszuarbeiten, ob die Bevölkerung weiter auf die Präferenz des Autos in unserer Gemeinde setzt oder sich andere Gewichtung wünscht.

Bickenbach braucht eine Besinnung auf seine Qualitäten, auf seine lieblichen kleinen Orte und Winkel, die Bäche, die kleinen Pfade, die charakteristischen hohen windschiefen Kiefern, die Sanddünen mit besonderer Vegetation, die vielen kleinen Häuser, seine noch vorhandene historische Substanz, oft mit viel Liebe erhalten und gepflegt, schön anzusehen. Es braucht vernünftige bauliche Entwicklungen mit einer angemessenen neuen Ortsmitte, die Zurückdrängung des Durchgangsverkehrs und die Verbesserung des Angebots für den öffentlichen Nahverkehrs sowie einen hohen Stellenwert für den Klima- und Naturschutz. Das ist auch Zukunft! Und eine Gute!