Bickenbach 2.0

Ein Kommentar zur Neuen Mitte von Marc-Andre Lyachenko

So, nun steht sie an, die erneute Offenlage zur Neuen Mitte. Keine wirkliche Überraschung, Bürgermeister Hennemann hatte ja noch im Gerichtssaal des VGH in Kassel verlauten lassen, dass man an dem Projekt unverändert festhält. Ich war da, war ich doch der einsame Kläger, derjenige Bürger oder wahlweise einzelne Anwohner in Bickenbach, der so viel Ärger gemacht hat und ursächlich für den ganzen Stillstand ist. Oder anders ausgedrückt: Der seine Rechte und die vieler Bürger wahrgenommen hat. Vorsicht, der folgende Text könnte auch im weiteren Verlauf Sarkasmus enthalten.

Seit dem Urteil haben Investor und Gemeinde die Öffentlichkeit gescheut wie der Teufel das Weihwasser. Ungewöhnlich, in welch schneller Taktung und in welch kurzer Zeit das Gemeindeparlament aber auch die Bürger jetzt genötigt werden, umfangreiche Dokumente in ihrer Freizeit zu sichten und zu bewerten. Immerhin geht es darum, dass das Gemeindeparlament den neuen B-Plan verstehen muss, bevor es darüber befinden kann – theoretisch! Auch keine Überraschung ist, dass eine Offenlage vermutlich (sofern sie zeitnah kommt) aus Versehen wieder einmal in die Ferienzeit rutscht. Hatten wir ja schon einmal. Es soll jetzt schnell gehen. Nicht nur mit dem Bau. Auch Kommunalwahlen stehen an, denen dieses Thema für manche so gar nicht gut zu Gesicht steht – außer es rollen bis dahin die Bagger.

Ich kann nur allen empfehlen, sich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten mit den Unterlagen auseinander zu setzen. Immerhin gibt es neben der formalen Heilung des alten B-Planes doch einige gravierende Änderungen. Diese sind für den Laien nicht immer sofort ersichtlich, haben es aber teils in sich.

Es hat sich mittlerweile rumgesprochen, dass nun Mietwohnungen entsehnen sollen. Ganze 76 an der Zahl. Das ist ein aberwitziger Dichtewert von 126 Wohneinheiten bezogen auf den Hektar. Sicherlich auf absehbare Zeit ein Rekord entlang der Bergstraße. Ich schätze, dass die Umgebungsbebauung im Bestand des Geltungsbereiches des alten Bebauungsplanes eine Dichte von ca. 20 Wohneinheiten pro Hektar haben dürfte, plus/minus.

Das wirklich absurde daran ist, wie die Begründung zum B-Plan versucht, diese abartige Dichte damit zu rechtfertigen, in dem man die direkte Umgebungsbebauung mit geringer Bebauungsdichte nun mit in Betracht zieht. Man muss es schon mehrfach lesen und wird es dann immer noch nicht nachvollziehen können. Was theoretisch alles in der Umgebung gebaut werden könnte (Bestandsbebauung mit geringer Dichte) soll erklären, warum man die Ortsmitte großstädtisch verdichten möchte. Hier hat jemand die Zielsetzungen des Regionalplans hinsichtlich orts- und umgebungsangepasster Bebauung deutlich missverstanden. Übrigens, bisher hat man sich der Inbetrachtziehung der Umgebung immer verwehrt. Es hätte nicht ins Konzept gepasst.

Apropos großstädtisch… Die Ortsmitte wird jetzt urbanes Gebiet und Teile der Grundstücke an der Bachgasse gleich mit. Ein ganz großer Wurf, darauf musste Bickenbach als Bergstraßendorf so lange warten. Endlich urban! Neben der Art der Nutzung nebst Vorgaben zur Bebauungsdichte (GRZ, GFZ) erlaubt ein urbanes Gebiet praktischerweise auch mehr Lärm. Passt perfekt, hat doch das Schallgutachten deutlich gezeigt, dass man weit über alle Grenzwerte hinausschießt. Übrigens auch weiterhin über die erhöhten Grenzwerte des urbanen Gebietes. Man nimmt es hin. Immerhin ist der Lärmpegel unterhalb dessen eines Staubsaugers in ca. einem Meter Abstand. Gekniffen sind vermutlich die gegenüberliegenden Wohnungen aber das ist nicht Gegenstand des B-Plans. Hierfür ist die Gemeinde nicht zuständig und das bisschen Risikoerhöhung von Herz- und Kreislauferkrankungen wird schon nicht so schlimm sein.

Macht auch nichts, deshalb sind die Wohnungen (10 an der Zahl) entlang der Darmstädter Straße auch mietpreisgebunden/ -reduziert und somit sehr günstig – für knapp unter 10 EUR/m² Kaltmiete fast schon ein Schnäppchen. Hinzu kommen vermutlich lediglich geringe Nebenkosten für den Erhalt und Betrieb der Wohnanlage sowie (à Nutzung für Pendler) Kosten für ein oder mehrere Stellplätze in der – juhu – einstöckigen Tiefgarage!

Was hatten wir nicht schon einen Spaß mit dieser Tiefgarage. Die war schon mal einstöckig. Vorgaben der Gemeinde und ach so kernige Aussagen unseres damaligen Bürgermeisterkandidaten und jetzigen Bürgermeisters, dass es mit ihm keine Doppelparker geben wird, machten die Tiefgarage zweistöckig. Nun wieder zurück zur Einstöckigkeit mit Hilfe von „Parksystemen“. Das Wort „Doppelparker“ kann wahlkampfstrategisch vermutlich nicht mehr genutzt werden. Achtung Spoiler: Es sind aber DOPPELPARKER.

Hoffen wir mal, dass die Tiefgarage nie bei Starkregen volllaufen wird. Wäre ein teurer Spaß. Aber dafür gibt es jetzt ja die Rigolen, die zuvor in der Abwägung hinter der Entwässerung über den Landbach lagen. Ein Streit darüber ist vermutlich nicht zielführend. Ich meine, dass beides nicht funktionieren wird aber mein Studium der Siedlungswasserwirtschaft ist auch schon lange her. Ob die Anlieger der Neuen Mitte nun über die Rigolen oder den Landbach geflutet werden, spielt eigentlich keine Rolle. Wenn es richtig runterkommt, wird sich das Wasser seinen Weg mit Zielrichtung „Kastanie“ suchen. Das Maß der Versiegelung ist hier ausschlaggebend und dieses ist für das Areal ohne wirkliche Entwässerungsmöglichkeit schlicht zu hoch.

Diejenigen, die der aktuellen Bienenwiese etwas abgewinnen können, können aufatmen. Die bisher festgesetzten kleinen Streifen zum Erhalt bleiben erhalten. Quasi der Erhalt des Erhalts.  Der Rest der Fläche darf sich dafür im Sommer schön aufheizen – Gründach hin oder her. Streitigkeiten um Ausgleichsflächen wie in der Waldkolonie wird es auch nicht geben. Diese sind schlicht nicht vorgesehen, Abwägung erledigt. Das Areal ist ja immerhin kleiner als 20.000m². Na ja, außer man braucht es, um sich die Dichte schönzurechnen.

Freuen dürfen wir uns auf einen Bäcker und einen Bionahversorger. Obwohl, schade, eigentlich bin ich persönlich bisher ganz gern zum Sonnenhof oder zur Familie Bitsch gegangen, um dort saisonal und regional einzukaufen. Auch den Liebig habe ich liebgewonnen. Ein Unverpacktladen ist mit dem Fahrrad in Auerbach zu erreichen und Alnatura verhackstücke ich persönlich mit den Einkäufen in der Pfarrtanne. Hmm, was nur tun? Keine Frage, ein Nahversorger bringt Leben in die Ortsmitte. Muss eben konzeptionell ins Konzept passen. Achtung, Ironie.

Die Wegerechte (bis zum) und der Spielplatz sind toll, aber weder eine positive noch negative Änderung zur Vorherigen Planung. Bleibt also wie es ist. Ich frage mich jedoch, ob man Kinder sicher entlang der Darmstädter Straße dort hinschicken kann/möchte bzw. ob das Areal attraktiv genug ist, damit solch ein Spielplatz grundsätzlich für alle Bickenbacher Bürger in der Ortsmitte attraktiv ist. Immerhin, er wird meistens im Schatten liegen.

Jetzt zu den positiven Dingen.

Vielen Dank fürs Lesen dieses längeren Kommentars, der nur an der Oberfläche dessen kratzt, was da auf Bickenbach zukommt. Immerhin brauchen wir ja auch Futter, sollte ein weitere Klage kommen.

 

 

 

 

 

 

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